Mit einem Besenstiel Musik machen – ja, das konnte mein Papa.
Er war ein Taktgeber. Einer, der nicht nur rhythmisch war, sondern einer der lebte. Wenn er mit seiner Energie in einen Raum kam, hat er alle mitgerissen. Und genau das ist eine der Erinnerungen, die mir bis heute sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Gleichzeitig füllen sich meine Augen mit Tränen, denn sobald ich diese eine Erinnerung berühre, folgen unzählige mehr. Erinnerungen, die mit Musik zu tun haben und mit meinem Papa.
Er war kein Musiker. Aber er war sehr musikalisch.
Singen bei längeren Autofahrten war bei uns nicht besonders, sondern normal. Es gehörte einfach dazu. Ich sehe es heute noch vor mir: sein Blick nach vorne, das Lenkrad in der Hand, meine Mama auf dem Beifahrersitz mit dem Liederbuch, in dem sie blätterte, meine Brüder links und rechts von mir. Ein Lied nach dem anderen wird gesungen. Manche schief, manche laut, manche so selbstverständlich, als würde das Leben nie etwas anderes vorhaben als genau diesen Moment.
Ich erinnere mich daran, wie zufrieden sein Blick war, wann immer er gesungen hat. Unterm Christbaum, in der Kirche, mit Freunden beim Feiern, während der Gartenarbeit oder als ich auf der Schaukel saß und er mir Lieder beigebracht hat. Ganz besonders wenn er mit seinem Besenstiel den Takt vorgegeben hat – als würde er damit nicht nur die Musik führen, sondern auch alle die anwesend waren. Für diesen Augenblick war alles leicht.
Manchmal frage ich mich, ob er damals geahnt hat, wie wertvoll solche Augenblicke werden können. Wie sehr sie später tragen. Wie sehr sie fehlen – und gleichzeitig bleiben.
Heute spüre ich: Musik ist mehr als Klang und als Unterhaltung. Musik ist ein Erinnerungsträger.
Ein Lied kann eine Tür sein und ein einziger Ton kann ausreichen, und ich bin wieder dort: im Auto, im Wohnzimmer, auf meiner Kinderschaukel. Zurück in diesem Gefühl von „wir“.
Und plötzlich ist er da – nicht als Gedanke, sondern als Nähe.
Wenn man Ton um Ton aneinanderreiht, ergibt sich eine Melodie.
Genauso ist es mit Erinnerungen. Jeder einzelne kleine Gedanke an den verstorbenen Menschen ist wie ein Ton.
Manchmal ist er zart oder einschneidend. Er tut weh, weil er so schön ist.
Aber Ton für Ton entsteht daraus eine Erinnerungsmelodie im Herzen.
Diese Melodie begleitet uns durch schwere und durch leichte Tage. Sie ist da wie ein guter Song, den wir sofort nach den ersten paar Tönen erkennen. Und dann kommt es vor, als passiere etwas Seltsames.
Ich fühle mich gleichzeitig, verbunden und verlassen, behütet und erschüttert, dankbar und wütend.
All diese Gefühle haben nebeneinander Platz – weil Liebe und Verlust sich nicht trennen lassen, sondern eins sind.
Erinnerungen sind Melodien des Lebens – die bleiben.
Vielleicht verändern sie ihren Klang. Werden leiser oder an manchen Tagen fast zu laut. Ein Lied trifft uns auch dann, wenn wir nicht damit rechnen. Beim Einkaufen oder wenn wir kurz das Radio anmachen.
Die Melodien des Lebens sind da. Sie sind ein Teil von uns.
So wie er da ist.
Nicht körperlich – nicht greifbar.
Und doch ein Teil von mir.
Für immer